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'... damit die Baustelle ein Gesicht bekommt'

Artikel vom 29.09.2009, 16:28
Am liebsten zu Hochtief: Die im Rahmen der Joboffensive befragten Studenten immobilienwirtschaftlicher Studiengänge kürten den Essener Baukonzern mit großem Abstand zu ihrem Wunscharbeitgeber. Dabei würden rund 40% derjenigen, die Hochtief ihre Stimme gaben, bevorzugt in der Projektentwicklung arbeiten. Wie aber sieht der Arbeitsalltag aus? Die Immobilien Zeitung hat eine Mitarbeiterin von Hochtief Projektentwicklung (HTP) begleitet. Constanze Brinkmanns Gesicht ist angespannt, mit dem rechten Daumen reibt sie immer wieder am linken Handgelenk. Sie hat eine schlechte Nachricht für die Vertreter einer Rechtsanwaltskanzlei, die im von Brinkmann verantworteten HTP-Projekt Rüttenscheider Tor in Essen zwei Etagen angemietet hat: Von den ausgesuchten Wandfliesen aus besonderem Naturstein für den Mandantenbereich hat der italienische Hersteller nur noch 9 m2 auf Lager, jetzt sind Betriebsferien und bis zum geplanten Einzug am 1. November wird die Zeit knapp. Die von der Kanzlei beauftragte Architektin hat die Arme verschränkt und ist sichtlich unzufrieden - allerdings nicht mit HTP, sondern mit dem italienischen Lieferanten, der ihr eigentlich versichert hatte, genügend Fliesen vorrätig zu haben. Brinkmann schlägt vor, sich nach der Besichtigung noch ein paar alternative Fliesenmodelle anzuschauen. Die Mienen entspannen sich wieder, und es geht in den nächsten Raum. Architektonisch interessante und zugleich ökonomische Gebäude Brinkmann arbeitet seit rund einem Jahr bei Hochtief. Nach einem Architekturstudium stieg die heute 30-Jährige 2004 bei der Bundeswehrtochter g.e.b.b. als Assistentin des Bereichsleiters Immobilien ein. Parallel studierte sie Immobilienökonomie an der European Business School in Oestrich-Winkel. Als bei der g.e.b.b. strukturelle Veränderungen anstanden wechselte sie zu HTP. Zum einen, weil sie die Hochbautätigkeit bei der g.e.b.b. vermisst hat, dort ging es nur um reine Flächenentwicklungen, zum anderen, weil ihr HTP als international tätiges Unternehmen mit überschaubaren Strukturen und flachen Hierarchien attraktiv erschien. "Ich wollte auf Dauer lieber in der Privatwirtschaft arbeiten." Bei HTP übernahm Brinkmann als Projektentwicklerin die Verantwortung für das Rüttenscheider Tor von ihrem jetzigen Teamleiter. Das fünfstöckige Bürogebäude mit einer Bruttogrundfläche von 16.500 m2 liegt gegenüber einem Hochtief-Gebäude in Essen, in dem sich unter anderem die HTP- Zentrale befindet. Baubeginn war Ende 2008. "Anfangs hat der Teamleiter mich noch zu Verhandlungen mit Mietinteressenten begleitet, sich dann aber Schritt für Schritt zurückgezogen." Heute ist sie zusammen mit Projektmanager Frederik Wegner allein für das Projekt verantwortlich. Während sie mit Mietinteressenten, Investoren oder Behörden verhandelt, ist Wegner für die Koordinierung der Bauunternehmen zuständig. Während andere Entwickler auch gerne mal externe Projektmanager engagieren, setzt HTP auf die interne Lösung. Dadurch sitze man gemeinsam in einem Boot und werde eher zu einem Team, als wenn zwischen Projektentwickler und Projektmanager eine reine Unternehmenspartnerschaft vorherrsche, erläutert Brinkmann die Hochtief-Strategie. Spaß macht Brinkmann die Arbeit, "weil ich dazu beitragen kann, architektonisch interessante und zugleich ökonomische Gebäude zu errichten" - wobei sie in ihrer Rolle als Projektentwicklerin im Gegensatz zum Architekten den Schwerpunkt eher auf das "ökonomisch" legen müsse. Schön sei es, beim kompletten Produktionsprozess dabei zu sein und dabei das Gebäude stark beeinflussen zu können. 600 fachkundige Augenpaare beobachten den Baufortschritt Belastbar müsse man als Projektentwickler sein und sich auf die unterschiedlichen Bedürfnisse der verschiedenen Gesprächspartner einstellen können, erläutert Brinkmann. So habe sie beispielsweise vor Baubeginn eine Anwohnerversammlung abgehalten, "damit die Baustelle ein Gesicht bekommt" und damit die Anwohner wissen, was auf sie zukommt und wie lange die Bauarbeiten dauern werden. Zwar habe sie schon Erfahrungen mit Bürgerversammlungen, trotzdem sei so etwas immer wieder eine Herausforderung. Man dürfe den Leuten nichts Falsches erzählen, "eine Baustelle ist nun mal eine Baustelle, mit Staub, Lärm und Dreck". Es gelte vielmehr, Angebote zu machen, zum Beispiel die Straße regelmäßig zu reinigen. Außerdem könne in der Projektentwicklung viel schiefgehen. So sei das Rüttenscheider Tor zwar von Ereignissen, die zu deutlichen Verzögerungen hätten führen können, verschont geblieben, der harte Winter ließ aber den eingeplanten Zeitpuffer arg zusammenschmelzen. Dass trotzdem bis zum Einzug des ersten Mieters in zwei Monaten voraussichtlich alles fertig ist, was bis dahin fertig sein muss, lag daran, dass in vielen Gesprächen alle Beteiligten nach Lösungen suchten. "Der Rohbauer hat dann den Schnee mit dem Radlader weggekarrt", gibt sie ein Beispiel für die Lösung des Problems. Beim Rüttenscheider Tor kommt dazu noch eine Besonderheit: "600 Augenpaare von Hochtief-Mitarbeitern im gegenüberliegenden Gebäude - inklusive der kompletten Geschäftsführungsetage von HTP - beobachten täglich die Baustelle, die Bauleute und den Baufortschritt", erklärt Brinkmann. Da mache man dann einiges noch gründlicher als anderswo. "Ich weiß nicht, ob wir den Bauzaun woanders auch komplett in Hochtief-Blau gestrichen hätten", sagt sie und lacht. Viele Kollegen nutzen die Mittagspause für einen Spaziergang um die Baustelle. Diesmal ist auch HTP-Geschäftsführer Robert Bambach dabei, der sich von Brinkmann den Projektfortschritt erklären lässt. Bevor die Mieter kommen, kocht Brinkmann Kaffee für die Besucher - auf einer Baustelle gibt es kein Backoffice - und organisiert Schutzhelme. Bei der Besichtigung erläutert sie den Baufortschritt, fährt zum Beispiel mit den Händen in 5 cm Abstand um eine Säule - "so viel Platz wird die Verkleidung einnehmen" -, oder sie zeigt die gefundene Lösung für die Toiletten: Architektin und Mietervertreterin lassen in jedem Raum ihren Blick schweifen. "Kommt da Glas rein oder ein Holpanel?", fragt etwa die Vertreterin der Anwaltskanzlei und zeigt auf ein 20 cm breites Loch neben den Fenstern. Diskutieren möchte sie auch über das Beleuchtungskonzept. Sie ist mit den vorgesehenen Spots nicht glücklich, will lieber flexibel bleiben. "Können Sie sich vielleicht Pendelleuchten vorstellen? Da kann man auch mit einem Schienensystem arbeiten", schlägt Brinkmann vor. Nach dem Gang über die Baustelle führt Brinkmann die Besucher in den Bemusterungscontainer. An der linken Wand hängen drei verschiedene Toilettenschüsseln mit drei verschiedenen Klobürsten. Daneben vier Waschbeckenmodelle mit jeweils unterschiedlichen Wasserhähnen. An der rechten Seite steht eine Reihe von Lampenmodellen, an der Decke befinden sich verschiedene Deckenfluter und am Ende des Raums liegen Fliesenmodelle. Die Mieter bestätigen weitgehend ihre frühere Auswahl, lediglich bei den Wasserhähnen entscheiden sie sich um - kein Problem, denn bestellt ist bisher nichts. Bei früheren Besichtigungen kam dagegen auch schon mal der spontane Wunsch nach einer Dusche auf, was eine Umplanung erforderte. Während des Gesprächs kommt ein Lieferant und bringt ein Vermietungsschild des beauftragten Maklers. Brinkmann muss mit anpacken und es in den Baucontainer tragen. Hier deutet sich schon die nächste wichtige Aufgabe an: Denn bis Jahresende sollen die rund 38% der Gesamtfläche, die noch zu haben sind, an den Mieter gebracht werden. (pm) Hochtief in Zahlen
  • Gründung: 1875 durch Philipp und Balthasar Helfmann in Frankfurt am Main
  • Firmensitz: Essen (seit 1922)
  • Konzernleistung 2008: 21,6 Mrd. Euro
  • Konzerngewinn 2008: 175,1 Mio. Euro
  • Mitarbeiterzahl: 66.642, davon 10.022 in Deutschland (Stand: 30.6.2009)
  • Leistung nach Regionen: Asien/Pazifik/Afrika 40,6%, Amerika 37,8%, Deutschland 13%, Osteuropa 4,7%, übriges Europa 3,9%
  • Durchschnittsalter der Beschäftigten: 42 Jahre
  • Akademikeranteil: 38,7%
  • Frauenanteil: 22,8%
  • Besonders häufig vertretene Berufe: technischer/kaufmännischer Projektleiter, Bauleiter, Tragwerksplaner, Design-Manager, Arbeitsvorbereiter, Projektmanager, Projektentwickler, Objektleiter für den Bereich FM, Controller, Projektkaufleute, Property-Manager, alle klassischen kaufmännischen Positionen
  • Praktikumsstellen pro Jahr: 250 bis 300
  • Werkstudenten/Abschlussarbeiten: jährliche Zahl abhängig vom Bedarf
  • Traineeprogramm o.Ä.: Blue-Chip-Programm für die verschiedenen Gesellschaften in Deutschland, unter anderem Hochtief Construction, Hochtief Projektentwicklung, Hochtief Facility Management oder die Unternehmenszentrale
  • Bewerberzahl: Bei Hochtief Projektentwicklung 4.000 Bewerber im Jahr 2008 (für alle Positionen mit und ohne Berufserfahrung)
  • Stellen für Absolventen insgesamt: ca. 100 Positionen im Jahr 2009
  • Einstiegsgehälter für Bachelor-/Master-Absolventen: zwischen 36.000 und 43.000 Euro p.a.
  • Im Porträt bei IZ-Jobs.de HOCHTIEF Projektentwicklung GmbH HOCHTIEF Property Management GmbH