Richard-Emanuel Goldhahn

Richard-Emanuel Goldhahn mit seiner Frau Henrike und den drei Kindern im Venedig-Urlaub.

Richard-Emanuel Goldhahn mit seiner Frau Henrike und den drei Kindern im Venedig-Urlaub.

Urheber: Richard-Emanuel Goldhahn

Karriere 11.04.2019
Personalberatung in der Immobilienbranche ist sein Metier. 2008 hat Richard-Emanuel Goldhahn (heute 39) Cobalt Recruitment mitgegründet und ist seither Geschäftsführer. Familienbedingt hatte er ... 

Personalberatung in der Immobilienbranche ist sein Metier. 2008 hat Richard-Emanuel Goldhahn (heute 39) Cobalt Recruitment mitgegründet und ist seither Geschäftsführer. Familienbedingt hatte er früh eine Nähe zum Thema Immobilien. Dennoch stieg er nach seinem BWL-Studium an der Berufsakademie Berlin 2003 als Junior-Pressereferent bei der Firma Herlitz ein. 2004 folgte die Personalabteilung eines Chipherstellers in Dresden, doch schnell kam Goldhahn nach Berlin zurück. 2005 startete er als Personalberater bei der Firma Michael Page, drei Jahre später begann das noch immer aktuelle Kapitel Cobalt Recruitment.

Sind Sie verheiratet?

Meine Frau Henrike habe ich 2002 in einem Urlaub kennengelernt. Nach zwei Dates sind wir zusammengekommen, sind nach drei Wochen zusammengezogen und 2008 haben wir geheiratet.

Haben Sie Kinder?

Wir haben drei großartige Kinder. Unsere älteste Tochter Ella Naemi wurde 2009 geboren, unser Sohn Friedrich Nathanael kam 2011 auf die Welt und unsere jüngste Tochter Martha Aurelia machte die Familie 2015 komplett.

Welchem Hobby gehen Sie nach?

Mit drei Kindern, zwei alten Häusern und über 100 beruflichen Reisetagen pro Jahr bleibt wenig Zeit für Hobbies. Früher habe ich Saxophon in Bands gespielt. Das klappt heute leider nicht mehr.

Wenn ich etwas Zeit für mich habe, gehe ich Laufen. Alle paar Jahre ist dann auch ein Halbmarathon oder Marathon drin, wobei ich katastrophal langsam geworden bin.

Ansonsten findet man mich häufig im Garten.

In welchem Club oder Verein sind Sie Mitglied?

Auch für aktive Vereinsarbeit bleibt kaum Zeit. Seit 1996 bin ich Mitglied in einer großen Volkspartei. Beruflich bin ich im Representative Commitee der APSCo, der Association of Professional Staffing Companies, einem Branchenverband der Personalberatungen, aktiv.

Wo wohnen Sie zurzeit?

Meine Frau und ich haben im Jahr 2010 ein sanierungsbedürftiges Stadthaus von 1781 aus der zweiten barocken Stadterweiterung in Potsdam erworben und mit recht viel Aufwand saniert. Architekt des Hauses war Christian Georg Unger, ein Schüler von Carl von Gontard. Beide haben damals in Potsdam um die Wette gebaut.

Bitte beschreiben Sie kurz Ihr Haus.

Das Haus hat ca. 250 m² und lag am damaligen Stadtkanal von Potsdam, unweit der Garnisonkirche. Diese entsteht ja gerade wieder neu. Den Kanal wird es hoffentlich in ein paar Jahren auch wieder geben. Derzeit stockt der Wiederaufbau leider etwas. Das Tolle an unserem Haus ist aber der Garten. Er ist nicht groß, aber herrlich grün und so haben wir Stadt- und etwas Landleben in einer Immobilie vereint. In den nächsten Jahren müssen wir noch die Sanierung der Stuckfassade und den Dachausbau über die Bühne bringen und dann ist es perfekt.

Wo ist Ihr Lieblingsplatz in der Wohnung?

Unser Haus ist, obwohl so alt, wunderbar geräumig und weitläufig. Das Kaminzimmer geht ins Klavier- und Esszimmer über und ein großer Durchgang führt von dort aus in die Küche. Nur die Schlafzimmer und das Hauptbad liegen auf einer anderen Etage. Im Winter halten wir uns viel vor dem Kamin auf, obwohl alles mehr oder weniger ein großer Raum ist. Im Sommer bin ich eigentlich nur zum Schlafen im Haus - fast alles andere spielt sich im Garten ab.

Haben Sie bei dieser Immobilie oder einer anderen beim Bau schon einmal selbst mit Hand angelegt? Wenn ja: wie genau und wie häufig?

Wie beschrieben war unser Haus beim Kauf ziemlich sanierungsbedürftig und stark überbaut. So mussten beispielsweise die Grundrisse an die historische Gestaltung angepasst werden. Hier habe ich etwas beim Abriss mitgewirkt, wenngleich der Bauablauf zwischen den Gewerken so dicht getaktet war, dass für „Eigenarbeit" kaum Möglichkeit bestand. Außerdem waren die Denkmalauflagen sehr hoch.

In unserem neusten kleinen Projekt, einer 160 Jahre alten und recht sanierungsbedürftigen Dorfschule direkt an einem Brandenburger See, die wir als Wochenendobjekt nutzen wollen, sieht das anders auf. Hier mache ich eigentlich alles selbst.

Was muss das perfekte Haus unbedingt haben?

Ich finde Altbauten mit Geschichte toll. Die späteste baugeschichtliche Epoche, die mich interessiert, ist das Bauhaus. Mit einem modernen Neubau kann ich in den allermeisten Fällen nichts anfangen. Ansonsten ist mir der Bezug zur Natur wichtig. Auch wenn unser Stadtgarten nicht sehr groß ist – ohne ihn würde ich das Haus nicht so lieben!

Wie und wo möchten Sie im Alter gerne wohnen?

Idealerweise in unserem Potsdamer Haus. Mit ein paar kleineren Umbauten wäre das auch sicherlich möglich. Mein Großvater ist 92 und wohnt noch immer in seinem Haus mit Garten – so stelle ich mir das für mich auch vor.

Wann, wo und womit haben Sie als Erwachsener zum ersten Mal Geld verdient?

Das war im Bauzuliefergewerbe. Der Vater einer Mitschülerin stellte „verlorene Schalung" her – da habe ich mitgearbeitet. Allerdings wurde ich relativ bald (mit 18) in eine Gemeindevertretung gewählt und wollte mich auf die politische Arbeit konzentrieren. Die Sitzungsgelder waren zwar etwas niedriger als die Einkünfte aus der Bauzulieferindustrie, aber neben dem Abitur und der Musik blieb nicht genug Zeit für den anderen Job.

Wie haben Sie in die Immobilienbranche gefunden?

Mein Vater war nach einem Studium der Automatisierungstechnik über Umwege im Immobilienbereich gelandet und hatte sich mit einer technischen Immobilienverwaltung selbständig gemacht. Insofern waren schon zu Schulzeiten Immobilienthemen am elterlichen Abendbrotstisch Teil meiner Jugend. Als ich 2005 das erste Mal in der Personalberatung tätig wurde und mir als junger Vertriebler meine Nische suchen musste, bot sich das Immobilienthema an. Hier gab es intern keine Wettbewerber und auch außerhalb von Michael Page reduzierte es sich auf zwei, drei kleinere Player.

Was braucht man Ihrer Meinung nach, um es in Ihrem Job zu etwas zu bringen?

Der Job des Personalberaters ist eigentlich nicht wahnsinnig kompliziert. Man kann ihn auch nicht akademisch auf einer Schulbank „erlernen".

Das Wichtigste ist Neugierde. Interesse an Menschen, die Fähigkeit, zuzuhören, Offenheit – das zeichnet erfolgreiche Personalberater aus. Ansonsten ist es in erster Linie eine vertriebliche Aufgabe. Und dabei „verkaufen" wir in zwei Richtungen: das Unternehmen muss uns vertrauen. Immerhin geht es um die wichtigste Ressource der Unternehmen: die Mitarbeiter. Dem Kandidaten „verkaufen" wir seine berufliche Weiterentwicklung. Auch hier geht es um viel, denn schließlich sichert der Job in den meisten Fällen den Broterwerb. In dieser Vermittlungsaufgabe liegt die eigentliche Herausforderung unseres Berufes.

Wie feiern Sie Ihre Erfolge?

Eher gar nicht. Natürlich freue ich mich, wenn etwas klappt. Aber eine der Herausforderungen eines Personalberaters ist es, immer viele Bälle in der Luft zu haben. Insofern wartet häufig schon wieder die nächste Herausforderung und es bleibt wenig Zeit, Vergangenes zu feiern.

Wie gehen Sie mit Misserfolgen um?

Darin bin ich leider nicht besonders gut. Verlieren gehörte noch nie zu meinen Stärken. Ich bin beispielsweise schrecklich bei Gesellschaftsspielen und ärgere mich fürchterlich; selbst, wenn es um nichts geht. Aber auch darin werde ich besser.

Was stört Sie an der Immobilienbranche?

Das ist gar nicht so leicht zu beschreiben, weil es keine richtige Lösung für das Problem gibt! Ich finde es moralisch gesehen eher schwierig, dass von einigen Branchenteilnehmern mit einem lebensnotwendigen Grundbedürfnis der Menschen spekuliert wird, was die Preise nach oben treibt. Das ist für viele Gesellschaftsschichten ein großes Problem! Andererseits weiß ich als BWLer natürlich auch, dass Unternehmen Gewinne erwirtschaften müssen und dass nur das Gewinnerzielungsinteresse dazu führt, dass überhaupt Angebot bereitgestellt wird. Glauben Sie mir, ich bin wirklich ein überzeugter Verfechter der freien Marktwirtschaft, aber beim Wohnungsmarkt kommen wir vermutlich um etwas staatliches Eingreifen, beispielsweise durch eine Wohnungsbauförderung, nicht herum. Die Mietpreisbremse halte ich allerdings für das falsche Mittel, weil sie das Angebot langfristig verknappt und damit das Problem potenziert.

Und was finden Sie besonders gut?

Ich finde es toll, dass sich jeder unter dem „Produkt Immobilie" etwas vorstellen kann und dass das Spektrum an Immobilien so breit ist. Immobilien sind für nahezu alle Branchen unserer Wirtschaft ein zentraler Produktionsfaktor und für Menschen der Raum, in dem sie sich zu Hause fühlen. Das gefällt mir.

Sie würden jungen Leuten raten, den Weg in die Immobilienwirtschaft einzuschlagen, weil...

... Immobilien immer gebraucht werden. Ich kann mir kaum eine krisenfestere Branche denken. Zu jeder Zeit werden Menschen wohnen, einkaufen, in Hotels übernachten, Büros mieten – die Branche ist konservativ und modern, regional und international, vernetzt und kompetitiv zugleich. Das bietet ganz unterschiedliche und immer neue Karriereperspektiven.

Was wären Sie heute gerne, wenn nicht Immobilienprofi?

Sie werden lachen: gerne hätte ich Architektur und Geschichte studiert. Ich hätte mir aber auch einen handwerklichen Beruf vorstellen können, beispielsweise Schreiner oder Kunstschmied. In beiden Fällen wäre ich dann vielleicht trotzdem in der Immobilienbranche gelandet – beispielsweise in der Denkmalpflege.

Haben Sie eine Lieblingsimmobilie?

Nein. Ich kann schönen Häusern in schönen Locations viel abgewinnen. Aber mal ist es das alte Kloster in der Ardèche, mal die viktorianische Villa in London und mal der Bauhaus-Museumsbau mitten in Berlin. Unterschiedliche Immobilien für unterschiedliche Lebenssituationen und Nutzungen. Horses for courses, wie die Engländer sagen.

Und welches Gebäude in Deutschland würden Sie gerne abreißen und warum?

Als Potsdamer ist man bei dieser Diskussion sensibilisiert, weil hier die teilweise grausamen Überformungen eines barocken Stadtgrundrisses aus der DDR-Zeit nach und nach zurückgebaut werden – und das nicht mit dem Wohlwollen aller. Grundsätzlich vertrete ich die Ansicht, dass Immobilien entweder historisch wertvoll oder praktisch und rentabel sein sollten. Wenn beide Kriterien nicht zutreffen, sollte man abreißen. Aber ich hege gegen kein Gebäude, das derzeit steht, einen Groll. Insofern stellt sich mir die Frage nicht.

Was bringt Sie auf die Palme?

Tatsächlich bin ich leider mit einem leicht aufbrausenden Charakter auf die Welt gekommen, sodass es gar nicht so wahnsinnig viel braucht, mich aufzuregen. Ich habe das mit zunehmendem Alter aber immer besser im Griff.

Beruflich bin ich eigentlich recht besonnen. Nur eines kann ich nicht haben: wenn Zusagen nicht eingehalten werden. Nichts ist unangenehmer, als wenn Kunden nach dem erfolgreichen Abschluss eines Projekts anfangen, über den Preis zu diskutieren. Dafür habe ich absolut kein Verständnis.

Wo oder wie können Sie sich besonders gut entspannen oder abschalten?

Ich bin leider einer der Menschen, die nie richtig abschalten können. Nahezu faustisch muss es bei mir immer weitergehen. Aber das sorgt natürlich auch dafür, dass ich recht viel schaffe.

Für welches private Vergnügen haben Sie zu wenig Zeit?

Tatsächlich würde ich gerne mehr laufen gehen. Aber morgens bringe ich die Kinder in die Schule, tagsüber ist es schwer, sich aus dem Büroalltag zurückzuziehen, und abends verbringen wir die Zeit natürlich als Familie, soweit das bei über 100 Reisetagen im Jahr möglich ist.

Nennen Sie einen Ihrer Lieblingssongs?

Ich hätte da einen mit Immobilienbezug: „Haus am See" von Peter Fox. Eigentlich gar nicht so meine Musik – aber der Song gefällt mir.

Wenn Sie an Ihren letzten Urlaub denken, denken Sie an was...?

Ein volles London mit der ganzen Familie. Ich hatte ein Board Meeting mitten in den Winterferien. Da haben wir den Familienurlaub kurzerhand nach London verlagert. Anstrengend, aber im Rückblick trotzdem schön.

Welche kürzlich besuchte Veranstaltung (Theater, Kino, Konzert, Sport...) hat Ihnen besonders gut gefallen und warum?

Mein letzter Theaterbesuch war vor Weihnachten ein Theaterstück, bei dem meine große Tochter mitgespielt hat. Da ist man als Vater natürlich von Hause aus stolz. Ins Kino schaffe ich es eher selten. Aber vor ein paar Jahren habe ich Musikfestivals für mich entdeckt. Meine Frau tippt auf die Midlife-Crisis... aber ich kann allen einen Besuch auf einem Musikfestival nur empfehlen.

In welcher Bar/Restaurant/Diskothek kann man Sie häufiger antreffen?

Beruflich bin ich natürlich viel unterwegs und abends essen. Privat ist das seltener der Fall. Aber wenn ich mal einen Abend Zeit habe, treffe ich mich gerne mit Freunden in der Bar Fritz'n in Potsdam.

Und mit welcher noch lebenden Persönlichkeit würden Sie dort gerne einmal einen Abend verbringen?

Mit Barak Obama würde ich gerne mal einen Abend verbringen. Oder, wenn es wirklich lustig werden soll, mit Jimmy Fallon.

Verraten Sie uns auch noch Ihr Lieblingsgericht?

Früher waren es die Königsberger Klopse meiner Großmutter. Nun lebt meine Großmutter leider nicht mehr und ich bin seit 20 Jahren Vegetarier. Deshalb sind es heute „Linguine al Tartufo" mit einem kräftigen Barolo, Montepulciano oder Nero d'Avola.

Mit wem würden Sie gerne ein Mal für einen Tag das Leben tauschen?

Mit einem der großen Politiker zum Beispiel. Mir fielen da Trump, Putin oder May ein. An einem Tag könnte man sicherlich schon eine ganze Menge der Fehlentscheidungen der vergangenen Jahre korrigieren. Ansonsten vielleicht mit Richard Branson.

Gibt es etwas im Ausland, was Sie in Deutschland vermissen?

Ich finde die britische Pub-Kultur sehr sympathisch. Und mit dem südfranzösischen Lebensgefühl kann ich mich auch sehr gut identifizieren. Ansonsten fühle ich mich in Deutschland sehr wohl und vermisse, bis auf ein bisschen mehr Sonnenschein, eigentlich nichts.

Sie haben 100.000 EUR zur freien Verfügung und müssen das Geld komplett ausgeben. Welchen Traum erfüllen Sie sich?

Ich denke, ich könnte diesen Betrag locker in originale Mid Century Möbel investieren. Oder in Kunst. Oder in eine Weltreise mit meiner Familie. Da würden mir viele Dinge einfallen.

IZ

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"Man muss loslassen können"

Walter Wiese.

Walter Wiese.

Quelle: Immobilien Zeitung, Urheber: Ulrich Schüppler

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Weil er nicht bis Mitte 70 weitermachen wollte, hat sich Walter Wiese auf die Suche nach einem Nachfolger für sein Planungsbüro Walter Wiese Architektur Consulting gemacht. Er wollte ... 

Weil er nicht bis Mitte 70 weitermachen wollte, hat sich Walter Wiese auf die Suche nach einem Nachfolger für sein Planungsbüro Walter Wiese Architektur Consulting gemacht. Er wollte einen fließenden Übergang, bei dem keine Arbeitsplätze verloren gehen.

Immobilien Zeitung: Herr Wiese, Sie sind Architekt und sagen, die Immobilienbranche habe ein Riesenproblem beim "S" in ESG. Damit meinen Sie aber nicht in erster Linie den bezahlbaren Wohnraum, auf den dieser Buchstabe oft bezogen wird.

Walter Wiese: Nein, ich meine den Aspekt des Sozialen in einer umfassenderen Weise. Dazu zählt der mangelnde Respekt vieler Unternehmen gegenüber den eigenen Mitarbeitern. Wer wenig Bestätigung und Ermutigung gibt und immer nur erwartet, dass die Angestellten liefern, macht sich langfristig sein Unternehmen kaputt.

IZ: Auf der anderen Seite gibt es auch Mitarbeiter, die unrealistische Ansprüche haben.

Wiese: Ja, die gibt es. Wenn Mitarbeiter in der jetzigen Marktlage, was ich schon erlebt habe, 25% realen Lohnzuwachs fordern, dann muss man sich schon fragen, wo das herkommt. Wahrscheinlich ging es der Branche zu lange zu gut. Das hat bei manchem eine falsche Vorstellung davon erzeugt, wie hart das Geld verdient wird. Der Rückbau von Verwöhntheit ist die größte emotionale Herausforderung, die man einem Menschen stellen kann.

IZ:
Aber es sind ja nicht alle so drauf, oder?

Wiese:
Nein, zum Glück nicht. Wir haben seit Jahrzehnten an einem positiven Arbeitgeber-Image gearbeitet. Flache Hierarchien, interessante Projekte, respektvoller und kollegialer Umgang. Diese Praxis, die bei uns wirklich gelebt wird, zahlt sich langfristig aus. Viele unserer Mitarbeiter sind aufgrund unseres guten Rufs als Arbeitgeber aktiv auf uns zugekommen und haben sich initiativ beworben.

IZ: Da sind wir wieder bei Ihrem Kritikpunkt: die mangelnde Verantwortung der Branche für die eigenen Mitarbeiter. Wie gehen Sie in Ihrem Unternehmen damit um?

Wiese: Ich bin jetzt Mitte 60 und leite seit fast vier Jahrzehnten mein eigenes Planungsbüro mit rund 30 Mitarbeitern. Ich bin ein sehr planender Mensch und habe vor fünf Jahren damit begonnen, mich intensiv mit dem Thema Nachfolgeregelung zu beschäftigen, denn das ist in meinen Augen eine der wichtigsten Aufgaben der älteren Generation. Leider weichen viele Unternehmer in unserer Branche dieser Thematik aus. Es wird immer viel über den eigenen Exit geredet. Aber nur wer sein Ziel kennt, weiß, wie er es erreichen kann.

IZ: Und was ist Ihr Ziel?

Wiese: Ich wollte jedenfalls nicht bis Mitte 70 weitermachen. Also bin ich vor vier Jahren zur Architektenkammer gegangen und habe gesagt: Ich suche einen Nachfolger.

IZ: Und die Kammer ist dafür die richtige Anlaufstelle?

Wiese: Ja, dort kann jedes Mitglied eine Annonce schalten, um Nachfolger zu suchen. Das muss in der Außendarstellung sehr zielgenau erfolgen, sonst kann das bei den Kunden den Eindruck erwecken, dass das Unternehmen bald nicht mehr besteht. Über die Annonce habe ich jedenfalls zwei Partner eines Büros aus meiner Heimatstadt Aachen gefunden, die rund 20 Jahre jünger sind als ich. Bei denen habe ich gemerkt, dass es passen kann.

IZ: Wie ging es dann weiter?

Wiese: Wir haben mehrere Modelle der Betriebsübergabe durchgespielt. Dabei haben wir auf verschiedene Berater zurückgegriffen, von Steuerberatern, Anwälten bis hin zum Notar. Wir haben uns mit dem Prozess Zeit gelassen, denn so ein Thema muss wachsen. Letztlich haben wir uns für einen gleitenden Übergang entschieden.

IZ: Wie läuft so etwas ab?

Wiese: Das ist ein schleichender Prozess. Ich bleibe vorerst aktiv und nehme weiter Aufträge an, aber im Hintergrund wird mehr und mehr Arbeit an die Nachfolger übergeben. Und mit der Übergabe der Arbeiten wechseln auch die zuständigen Mitarbeiter schrittweise hinüber ins neue Unternehmen.

IZ: Funktioniert das so einfach, ohne Reibungsverluste?

Wiese: Man muss loslassen können. Ein Mensch, der etwas Liebgewonnenes abgeben möchte, sollte reflektiert sein und darf sich nicht als Nabel der Welt sehen. Die Nachfolger machen eben vieles anders, aber deswegen ja nicht falsch. Das muss ich als Chance zur Veränderung für das Unternehmen begreifen und tolerieren. Insgesamt ist es aber eine sehr spannende Sache für alle Beteiligten und bringt am Ende große Erleichterung, weil eine Lösung gefunden wurde.

IZ: Wäre ein direkter Verkauf nicht einfacher gewesen? Dann wäre alles auf einen Schlag gelöst gewesen.

Wiese: Ja. Aber das war nicht mein Ziel. Es ging mir um einen möglichst reibungslosen Übergang ohne harten Bruch und ohne den Verlust von Arbeitsplätzen. Ich glaube das haben wir erreicht.

IZ: Und wie bereiten Sie den Prozess vor? Reden hilft wahrscheinlich meistens?

Wiese: Reden hilft immer, gerade auch innerhalb des eigenen Unternehmens. Mitarbeiter zu führen, das ist ein richtig hartes Geschäft. Jeder Chef sollte sich bemühen, täglich das Gespräch mit seinen Leuten zu suchen. Das habe ich stets getan und werde es bis zum Schluss so halten.

IZ: Herr Wiese, vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Ulrich Schüppler.

Ulrich Schüppler

Der Tarifkonflikt am Bau geht weiter

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Mit den ersten Streiktagen im aktuellen Tarifkonflikt der Baubranche und dem Kampfeswillen der Beschäftigten zeigen sich die Arbeitnehmervertreter sehr zufrieden. ... 

Mit den ersten Streiktagen im aktuellen Tarifkonflikt der Baubranche und dem Kampfeswillen der Beschäftigten zeigen sich die Arbeitnehmervertreter sehr zufrieden.

Das erste Zwischenfazit, das Robert Feiger, Bundesvorsitzender der Gewerkschaft IG Bau, nach einer Woche im Streik zieht, fällt positiv aus. "Wir lassen nicht nach, bis die Bauunternehmen ein Angebot vorlegen, das oberhalb des Schlichterspruchs liegt. Nach dem Auftakt in dieser Woche mache ich mir auch keine Gedanken über den Kampfeswillen der Baubeschäftigten. Er wird sicherlich nicht weniger werden, das Gegenteil wird eintreten", urteilte Feiger nach den ersten Streiktagen.

An denen legten nach Angaben der IG Bau bundesweit rund 12.500 Beschäftigte zeitweise ihre Arbeit nieder. Bestreikt wurden Baustellen im gesamten Bundesgebiet. In dieser Woche ging es unvermindert weiter. Die Gewerkschaft hatte Beschäftigte etwa in Aachen, Köln, München, Bremen oder Schweinfurt aufgerufen, ihre Arbeit niederzulegen.

Vorausgegangen waren dem Streik mehrere Gesprächsrunden und schließlich der Versuch, per Schlichterspruch eine Einigung zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern zu erzielen. Auf dem Tisch lag ein Angebot für 250 Euro mehr Gehalt, elf Monate später sollten noch einmal 4,15% im Westen und knapp 5% im Osten dazu kommen.

Die Einigung auf den Schlichterspruch scheiterte, weil sich die Arbeitgebervertreter – der Hauptverband der Deutschen Bauindustrie (HDB) und der Zentralverband des Deutschen Baugewerbes (ZDB) – nicht darauf einigen konnten, ihn anzunehmen. Ins Feld geführt wurden handwerkliche Fehler. Tatsächlich wurde aus mehreren Wortmeldungen von Landesverbänden deutlich, dass die Arbeitgeberseite bei weitem nicht geschlossen hinter der Ablehnung stand. Nun verlangt die Gewerkschaft 500 Euro mehr pro Monat, in jedem Fall aber einen Verhandlungsvorschlag oberhalb des Schlichterspruchs.

Die Arbeitgebervertreter hatten zwischenzeitlich versucht, die Wogen zu glätten, indem sie den Betrieben eine freiwillige Anhebung des Lohns vorschlugen. Bei der Gewerkschaft kam das nicht gut an. Für die zweite Streikwoche hatte die IG Bau angekündigt, den Fokus stärker auf Straßenbau- und Infrastrukturprojekte legen zu wollen.

Der Streik ist bundesweit der erste auf dem Bau seit 2002. Zwischenzeitlich wurde lediglich in Niedersachsen 2007 gestreikt. Das Bauhauptgewerbe gilt mit 930.000 Beschäftigten und einem Umsatz von 162 Mrd. Euro als Schlüsselbranche. Die IG Bau hat 221.000 Mitglieder.

Robin Lorenz-Göckes