Hochschulen sollten jetzt ihr Netzwerk stärken - sie werden es noch brauchen

Der Campus der HAWK Holzminden wird von 1.500 Studenten genutzt.

Der Campus der HAWK Holzminden wird von 1.500 Studenten genutzt.

Quelle: HAWK Holzminden, Urheberin: Theresa Ullrich

Karriere 07.11.2019
Wenn der Boom in der Branche nachlässt, bekommen das auch die Ausbildungsstätten zu spüren. Die Hochschule für Angewandte Wirtschaft und Kunst (HAWK) in Holzminden rüstet sich mit ... 

Wenn der Boom in der Branche nachlässt, bekommen das auch die Ausbildungsstätten zu spüren. Die Hochschule für Angewandte Wirtschaft und Kunst (HAWK) in Holzminden rüstet sich mit einem starken Netzwerk, beschreibt Professorin Susanne Ertle-Straub, zuständig für den Bereich Markt- und Immobilienresearch sowie wertorientierte Unternehmensführung an der Fakultät Management, Soziale Arbeit und Bauen.

Immobilien Zeitung: Der Fachkräftemangel bringt Unternehmen bei der Besetzung offener Posten mit jungen Kräften oftmals in die Bredouille. Welche Auswirkungen hat er auf die Hochschulwelt?

Susanne Ertle-Straub: Tatsächlich ist die Nachfrage nach gut ausgebildeten Neueinsteigern in der Immobilienwirtschaft auf einem Höhepunkt, was unseren Absolventen natürlich entgegenkommt und Chancen eröffnet, die es vor einem bis zwei Jahrzehnten in dieser Form noch nicht gab. Wir merken zudem, dass in den vergangenen Jahren viele Hochschulen auf den Immobilienzug aufgesprungen sind - sei es mit einer immobilienwirtschaftlichen Vertiefung im Fach BWL oder einem Immobilienschwerpunkt in einem technischen Studium. Sie versprechen sich davon einen Zuwachs an Studenten. Der Wettbewerb unter den Hochschulen hat sich verschärft.

IZ: Hat das Auswirkungen auf Ihre Studentenzahl?

Ertle-Straub: Nein, wir haben konstant etwa 500 Studierende in den beiden laufenden immobilienwirtschaftlichen Studiengängen mit Bachelor- und Masterabschlüssen. Wir bieten die Studiengänge seit etwa 20 Jahren an und haben seitdem 1.500 Fachkräfte ausgebildet. Das ergibt ein riesiges Alumni-Netzwerk, auf das wir zurückgreifen können.

IZ: Ein Netzwerk in guten Zeiten aufzubauen, ist wichtig, um in schlechten Zeiten zu bestehen, heißt es. Inwiefern gilt das auch für Hochschulen?

Ertle-Straub: In der momentanen Konjunktur werden wir und unsere Studierenden von Unternehmen aus der Immobilienbranche umworben. Professoren laden Gastreferenten ein, die gerne zu uns kommen. Firmen senden uns zahlreiche Stellenangebote, die wir veröffentlichen. Und unsere Netzwerkveranstaltungen erfreuen sich größter Beliebtheit. Der Wind wird sich allerdings drehen, wenn sich die Marktsituation ändert. Dann wird es eher darum gehen, Personal freizustellen statt es einzukaufen.

IZ: Welche Folgen hätte ein Abschwung für die Hochschule?

Ertle-Straub: Perpektivisch kann es sein, dass dann die Studentenzahlen zurückgehen. Umso wichtiger ist dann ein großes Alumni-Netzwerk, das Werbung für die Hochschule macht. Das funktioniert bei uns aber auch jetzt schon sehr gut.

IZ: Wie wirkt sich Ihr Alumni-Netzwerk konkret aus?

Ertle-Straub: Wir machen es zur Vorbedingung, dass die Studienanfänger bereits ein Praktikum vorweisen können, bevor sie zu uns kommen. Wenn dann z.B. eine junge Frau ihre ersten Erfahrungen in einem Unternehmen sammelt, in dem sie auf mehrere HAWK-Alumni trifft, dann hilft uns das. Gleichzeitig bleiben die Alumni mit der Hochschule verbunden und können bei uns in Kontakt mit jungen Talenten treten.

IZ: Was tun Sie, um die Kontakte zwischen Studenten und Unternehmen zu fördern?

Ertle-Straub: Da verfolgen wir verschiedene Ansätze. Zum Beispiel gibt es zweimal im Jahr eine Exkursionswoche, die auch oft ins Ausland führt. Die Dozenten haben zuvor zahlreiche Termine bei interessierten Firmen aus den verschiedenen Segmenten der Immobilienwirtschaft vereinbart - sei es aus dem Bereich Finance, Research oder Projektentwicklung. Bei ihren Besuchen haben die Studenten dann die Gelegenheit, Kontakte mit den Firmenvertretern zu knüpfen und ihre Fragen zu stellen. Das ist ein Netzwerkformat, von dem beide Seiten profitieren: Die Unternehmen heißen uns gerne willkommen, weil dies für sie eine Art kostenloses Recruiting ist. Und die Studenten haben in den kleinen Gruppen von etwa 25 Personen die Möglichkeit, sich als möglicher Bewerber vorzustellen. Über diesen Weg sind bereits häufiger Praktikumsplätze vergeben worden.

IZ: Und dann findet in wenigen Tagen ja auch die nächste Auflage von Practice meets Campus statt. Dabei kommen Unternehmen zu Ihnen an die Hochschule.

Ertle-Straub: Ja, und auch dieser HR-Kongress ist wieder seit langem ausgebucht. Wenn wir die Anmeldebögen veröffentlichen, sind die 20 Plätze für Unternehmen in aller Regel innerhalb von zwei Wochen vergeben.

IZ: Wie funktioniert das Format?

Ertle-Straub: Der Tag beginnt zunächst mit der Keynote einer bekannten Persönlichkeit aus der Branche. Dieses Jahr spricht Sun Jensch, Geschäftsführerin des Zentralen Immobilien Ausschusses (ZIA), über "Wohnungsnot versus politisches Versagen?". Ein Thema, das sowohl die rund 500 Studierende als auch die Unternehmensvertreter interessieren dürfte. Am Nachmittag wird sich jede Firma in ihrem eigenen Hörsaal den Studierenden präsentieren. Anschließend können beide Seiten bei einem Get-together in unserem Lichthof ungezwungen in Kontakt kommen. Dabei werden nicht nur Praktika vereinbart, sondern auch konkrete Gespräche über den Einstieg bei dem einen oder anderen Unternehmen geführt. Einen besonderen Reiz hat die Veranstaltung dadurch, dass viele ehemalige HAWK-Studenten nun als Unternehmensvertreter an die Hochschule zurückkehren. Das schafft eine besondere Nähe zu den jetzigen Studenten.

IZ: Wie werden die Unternehmen, die sich dort präsentieren dürfen, ausgewählt?

Ertle-Straub: Wir achten allein auf den Zeitpunkt, wann die Anmeldung bei uns eingeht, und behalten uns vor, anschließend eher unbekannte Unternehmen auf Seriosität zu prüfen. Dadurch schaffen wir eine gewisse Abwechslung und bieten auch interessanten mittelständischen Firmen und Start-ups eine Bühne.

IZ: Gibt es noch weitere Events in diesem Jahr?

Ertle-Straub: Im November findet nach zweijähriger Pause wieder ein Women‘s Talk statt. Dabei habe ich ein Treffen von 20 Studentinnen mit der Hannoveraner Regionalgruppe des Vereins Frauen in der Immobilienwirtschaft organisiert. Dort können die Studentinnen auch Fragen stellen, die sonst in großer Runde kaum Thema wären, z.B. zur Vereinbarkeit von Job und Familie in Berufen der Immobilienwirtschaft.

IZ: Persönliche Kontakte lassen sich vor allem in kleinem Kreis gut knüpfen. Ist da Holzminden ein Standortvorteil?

Ertle-Straub: Wir lassen tatsächlich viele Veranstaltungen in kleinen Gruppen stattfinden. Das unterstützt unser Streben nach einem persönlichen und intensiven Austausch zwischen Dozent und Student. Wir nehmen uns die Zeit und diskutieren z.B. auch über aktuelle Nachrichten und darüber, welche Auswirkungen sie auf die Immobilienbranche haben. Es ist vielleicht vieles etwas kleiner, aber dafür nicht schlechter - auch nicht Holzminden als Studienstandort. Es liegt geografisch ziemlich genau in der Mitte Deutschlands und verfügt über den Charme einer gemütlichen, sehr lebendigen Kleinstadt mit zahlreichen Fachwerkhäusern und hat die Nähe zur Natur. Der Campus selbst ist an Teichen gelegen und hat eine moderne Bibliothek. Der handfesteste Vorteil ist aber sicher die geringe Belastung durch niedrige Mieten in Holzminden. Dies schont den Geldbeutel und lässt Raum für die erste eigene Wohnung zu erschwinglichen Preisen, viele Möglichkeiten das gesellschaftliche Leben mitzugestalten oder ein spontanes Picknick mit Freunden am Weserufer. Ein ehemaliger Student hat es mal mit einem abgewandelten Zitat aus dem Film "Willkommen bei den Sch'tis" ausgedrückt: "Wer nach Holzminden kommt, weint immer zwei Mal. Einmal bei der Ankunft und einmal bei der Abreise."

IZ: Vielen Dank für das Gespräch, Frau Ertle-Straub.

Die Fragen stellte Anke Pipke.

Die HAWK Holzminden veranstaltet am Mittwoch, 13. November, ab 11.30 Uhr das Event Practice meets Campus. Anmeldebögen für Unternehmen, die an der Auflage im November 2020 teilnehmen wollen, werden im Frühjahr 2020 veröffentlicht.

Das Angebot der HAWK

Die HAWK bietet sowohl den Bachelor of Science Immobilienwirtschaft und -management als auch den Master of Science Immobilienmanagement an. Absolventen können damit später für Bauträger ebenso wie für Developer, Banken, Versicherungen, Immobilienfonds und Wohnungsgesellschaften tätig werden. Internationale Studieninhalte und englischsprachige Lehrveranstaltungen bereiten die Studierenden auf den internationalen Arbeitsmarkt vor. Zudem werden der Master- und Bachelorstudiengang durch die RICS anerkannt.

Anke Pipke

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Die Vereinsmitglieder von Frauen in der Immobilienwirtschaft, liebevoll auch Immofrauen genannt, möchten Unternehmen ohne Frauenförderung stärker ins Licht rücken. Das ist nur eine Maßnahme, um kompetente Frauen zu stärken.

"Ich habe kein Verständnis dafür, dass viele Unternehmen beim Frauenanteil in Führungspositionen immer noch eine Null angeben", sagt Bettina Timmler, Leiterin der Immofrauen-Regionalgruppe Rheinland und PR-Beraterin. Katrin Williams, Vorstandsvorsitzende und Gebietsmanagerin Immobilienwirtschaft bei Vodafone Kabel Deutschland in Leipzig, pflichtet ihr bei. Diese Haltung sei heutzutage nicht mehr tragbar. Unternehmen mit einer solchen Quote verkennen die gesellschaftliche Entwicklung und auch die positiven wirtschaftlichen Effekte, die nachweislich in Verbindung mit gemischten Teams stehen. Doch immerhin, der Trend zeige, sagt Williams, dass zunehmend viele Unternehmen auf geschlechtergemischte Führungsteams achten.

Ob die Präsenz von Frauen auf Chefposten überhaupt per Quote geregelt werden muss, darüber sind sich die Vereinsmitglieder nicht einig. In einer internen Umfrage unter knapp 400 Teilnehmern bereits im Jahr 2016 hatten 41% für eine Frauenquote gestimmt, 44% dagegen. An der Haltung hat sich bis heute kaum etwas geändert. "Junge Frauen sehen weniger die Notwendigkeit hierfür", erklärt Williams. "Ich finde es traurig, dass es einer Quote bedarf", ergänzt sie ihre eigene Meinung. Das zeige, dass der gesellschaftliche Druck offenbar nicht groß genug sei, um die Präsenz von Frauen in Chefetagen zu einer Selbstverständlichkeit werden zu lassen.

Ohne konkreten Hebel, direkt auf die Besetzung der Chefetagen Einfluss nehmen zu können, versuchen es die Damen in der Zwischenzeit mit sanfter Gewalt. "Wir planen in unserer internen Jobbörse noch mehr frauenfreundliche Unternehmen zu präsentieren", erzählt Vorstandsmitglied Anna Klaft, Leiterin Deutschlandvertrieb bei der Wisag Gebäudereinigung Holding. "Wir können auch Unternehmen kommunizieren, die eine Nullquote haben. Auch so können wir Druck ausüben." Das komme der Anspruchshaltung der Mitglieder entgegen. "Die Frauen sind in ihrer ersten Arbeitgeberwahl strategischer geworden", weiß Evelyn Haindl-Mehlhorn, ehemalige Immofrauen-Geschäftsführerin.

Dass es ein schwieriges und langwieriges Unterfangen ist, von außen Druck auf Unternehmen auszuüben, in Sachen Frauenförderung mehr Gas zu geben, müssen die Immofrauen immer wieder selbst erfahren. In diesem Jahr feiert der Verein sein 20-jähriges Bestehen. Und noch immer arbeitet er unermüdlich. "Unser Ziel ist, die Einflussmöglichkeiten von Frauen in der Immobilienbranche weiter zu stärken. Wir fordern eine gleichberechtigte Teilhabe, gleiche Bezahlung und sind deshalb Mitunterzeichner der Berliner Erklärung", sagt Williams. Mit regionalen Fortbildungen, Fachinformationen und internem Austausch will der Verein seine Mitglieder nicht nur weiterbilden, sondern auch das Netzwerk stärken. Zudem sieht Sonja Schneider, Leiterin der Regionalgruppe Rhein-Main und Development Managerin bei Corpus Sireo Real Estate, die Zusammenarbeit bei Projekten "als elementares Ziel des Vereins an. Wichtig ist die Generierung von Aufträgen, aber auch das Finden von verlässlichen Geschäftspartnern. Ich arbeite mit einigen Immofrauen regelmäßig zusammen. Und das ist es doch, was Frauen in ihrer Karriere weiterbringt." Und um engagierte Frauen darüber hinaus einem breiteren Publikum der Branche sichtbar zu machen, unterhält der Verein laut Williams "einen Referentinnen-Pool, aus dem Unternehmen Teilnehmerinnen für ihre Podien auswählen können." Darüber hinaus wollen sich die Immofrauen in diesem Jahr verstärkt um den Aufbau ihrer Präsenz in sozialen Medien kümmern und dort die Aktivitäten ihrer Regionalgruppen vorstellen.

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Quelle: imago images, Urheber: Skata

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Die Corona-Pandemie hat die Art und Weise, wie und wo Menschen arbeiten, innerhalb kürzester Zeit massiv verändert. Welche dieser Veränderungen Bestand haben werden, muss sich aber noch zeigen. Homeoffice könnte den Büroflächenbedarf reduzieren, die Angst vor Ansteckungen Einfluss auf die technische Ausstattung der Arbeitsplätze nehmen. Branchenexperten sehen der Entwicklung gelassen entgegen.

"Mitarbeiter freuen sich, ins Büro zu dürfen"

Die ersten Rückkehrer schlagen ihre Zelte wieder in ihren angestammten Büros auf. Der Papierstapel auf dem heimischen Schreibtisch wird kleiner, der im Büro wächst. In einer Umfrage des Digitalverbands bitkom gaben 49% der Befragten bereits zu Beginn der Corona-Pandemie in Deutschland an, aufgrund der Einschränkungen ganz oder teilweise ins Homeoffice gewechselt zu sein. Jetzt kehren viele dieser Arbeitnehmer wieder zurück und auf den Bürofluren setzt wieder zaghaftes Leben ein. So auch bei der Helaba-Tochter OFB Projektentwicklung. "Unsere Mitarbeiter freuen sich darauf, wieder ins Büro zu dürfen. Die Kommunikation auf dem Flur fehlt einfach", berichtet Klaus Kirchberger, der Vorsitzende der Geschäftsführung.

Kirchberger rechnet nicht damit, dass die jüngsten Erfahrungen mit der Arbeit von zu Hause aus dazu führen werden, dass künftig deutlich mehr Arbeitnehmer dauerhaft im Homeoffice arbeiten werden. "Homeoffice kann in einigen Fällen durchaus sinnvoll sein und natürlich wächst das. Aber das war auch schon vor Corona der Fall. Den ganz großen Homeoffice-Hype sehe ich nicht." Entsprechend gehe er auch nicht davon aus, dass sich der Büroflächenbedarf durch ein Mehr an Homeoffice-Regelungen entscheidend verringern wird.

Das sehen Andreas Iding, Geschäftsführer von Goldbeck Services, und Norman Kustos, Geschäftsführer des Beratungsunternehmens neotares, ganz ähnlich. "Einen Paradigmenwechsel bemerke ich nicht. Homeoffice kann für die Zukunft eine Ergänzung zum normalen Büroumfeld sein, aber es auf keinen Fall ersetzen", sagt Iding.

Inzwischen mehren sich allerdings auch die Wortmeldungen aus der Wirtschaft, die durchaus für die nahe Zukunft größere Umbrüche voraussehen. So hat etwa das Unternehmen Twitter angekündigt, allen seinen Arbeitnehmern die Möglichkeit für die dauerhafte Heimarbeit einzuräumen. Facebook-Gründer Mark Zuckerberg prognostiziert, dass mittelfristig etwa 50% der Facebook-Angestellten von zu Hause aus arbeiten werden.

Rechtlicher Anspruch auf Homeoffice ist umstritten

Verschiebungen könnten sich in Zukunft ergeben, sollte der Gesetzgeber tatsächlich ein grundsätzliches Recht auf Homeoffice einführen. Der jüngste Vorstoß dazu stammt von Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD), der bis zum Herbst eine entsprechende Gesetzesvorlage erarbeiten will. Ähnliches hatte er allerdings schon einmal angekündigt, dann war die Initiative aber im Sande verlaufen. Doch auch im Koalitionsvertrag von CDU/CSU und SPD wird das Thema angeschnitten. So haben die Fraktionen vereinbart, mobile Arbeit zu fördern und zu erleichtern und hierfür einen rechtlichen Rahmen zu schaffen. "Die Bundesregierung beabsichtigt, diese Vorgaben des Koalitionsvertrags in dieser Legislaturperiode umzusetzen", heißt es in der Antwort der Bundesregierung auf eine kleine Anfrage der FDP-Fraktion im Bundestag. Das muss zwar noch lange nicht bedeuten, dass es am Ende wirklich ein gesetzlich verankertes Recht auf Homeoffice geben wird, es zeigt aber zumindest, dass gesetzliche Änderungen sehr wahrscheinlich sind. Kirchberger warnt jedoch davor, Arbeitnehmern pauschal die Wahlmöglichkeit für die Arbeit von zu Hause aus einzuräumen. "Das wäre schon ein wirklich großer Eingriff in die Freiheit der Unternehmen. Ich hoffe deshalb, dass dieser Plan nicht umgesetzt werden kann." Kustos führt darüber hinaus datenschutzrechtliche Bedenken ins Feld.

Davon abgesehen dürfe das Büro nicht allein auf seine Funktion als Arbeitsstätte reduziert werden. Es diene schließlich als Identifikationsort des Arbeitnehmers mit der Firma, für die er im Einsatz ist. "Die Identifikation mit dem eigenen Arbeitgeber wird künftig eine große Rolle spielen. Alleine schon, um die Arbeitskräfte an den Arbeitgeber zu binden. Dabei spielt das Büro eine wichtige Rolle, sonst wird der Arbeitgeber austauschbar." Gebremst sieht er durch die Pandemie-Erfahrungen der vergangenen Monate allerdings den Trend zu allzu offenen Bürolösungen. "Open Office ist jetzt natürlich nicht so stark angesagt."

Veränderungen könnten sich im Hinblick auf die Gebäudeausstattung ergeben. Vor allem die Lüftung spiele dabei eine Rolle. "Was eine coronasichere Lüftungstechnik angeht, gibt es derzeit eine große Nachfrage. In vielen Fällen ist so etwas machbar, etwa mit separaten Lüftungen für die einzelnen Büroräume. Aber es muss technisch und auch wirtschaftlich sinnvoll sein. Das ist nicht immer ganz einfach", sagt Kustos.

Auch in Sachen intelligente Gebäudesteuerung, Automation und Nachverfolgung der Wege einzelner Personen in den Gebäuden könne die Krise Wirkung zeigen, glaubt Iding. "Corona muss kein Einzelfall bleiben, wir können in Zukunft immer wieder in solche Situationen geraten. Was wir jetzt gesehen haben, ist, dass vielfach eine ganze Etage dichtgemacht werden musste, weil es einen einzelnen Verdachtsfall gab. Da gibt es gute technische Möglichkeiten, mit denen für eine bessere Trennschärfe gesorgt werden kann", sagt er.

Robin Göckes