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Partizipationsprozesse gestalten lernen

"Wutbürger" war 2010 zum Wort des Jahres von der Gesellschaft für deutsche Sprache gewählt worden. Auf Platz zwei schaffte es "Stuttgart 21". Mit neuen Beteiligungsverfahren sollen die Bürger bei Planungsprozessen früher ins Boot geholt werden.

"Wutbürger" war 2010 zum Wort des Jahres von der Gesellschaft für deutsche Sprache gewählt worden. Auf Platz zwei schaffte es "Stuttgart 21". Mit neuen Beteiligungsverfahren sollen die Bürger bei Planungsprozessen früher ins Boot geholt werden.

Bild: fm

Karriere 08.08.2013
Stuttgart 21 hat gezeigt, wie wichtig eine Beteiligung der Bürger an großen Bauprojekten ist. Das Land Baden-Württemberg hat aus dieser Erfahrung gelernt und eine Staatsrätin für ... 

Stuttgart 21 hat gezeigt, wie wichtig eine Beteiligung der Bürger an großen Bauprojekten ist. Das Land Baden-Württemberg hat aus dieser Erfahrung gelernt und eine Staatsrätin für Zivilgesellschaft und Bürgerbeteiligung ernannt. Auch die Universität Stuttgart hat reagiert: Zum Wintersemester 2013/14 beginnt dort der neue Masterstudiengang Planung und Partizipation, der Fachkräfte für die Konzeption und Durchführung von Partizipationsprojekten in Planungsprozessen ausbildet.

Einen Facebook-Auftritt hat der neue Masterstudiengang Planung und Partizipation schon, und auch eine erste Diskussionsveranstaltung mit der Staatsrätin für Zivilgesellschaft und Bürgerbeteiligung, Gisela Erler, fand bereits statt. Erler will die Verfahren der Bürgerbeteiligung auf allen Ebenen ausbauen und in das Verwaltungshandeln integrieren. Als Aufgabe hat sie sich auch die Entwicklung eines Leitfadens für eine neue Planungskultur gestellt.

Spezialisten für diese neue Planungskultur mit mehr Bürgerbeteiligung werden ab diesem Wintersemester erstmalig an der Universität Stuttgart ausgebildet. Absolventen des viersemestrigen Vollzeit-Masterstudiengangs Planung und Partizipation sollen eigenständig Partizipationsprozesse durchführen und moderieren können. Eine Anschubfinanzierung leistet das badenwürttembergische Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst in Höhe von rund 400.000 Euro.

Durch neue Beteiligungsverfahren Kosten und Fehler vermeiden

Dass Kommunen und Unternehmen immer häufiger Bedarf an Moderatoren für Beteiligungsverfahren haben, zeigen auch die sich häufenden Anfragen an verschiedene Hochschullehrer solche Prozesse durchzuführen. Konflikte in Planungsprozessen tauchten häufig auf, weil öffentliche Anhörungen oft erst zu einem späten Planungszeitpunkt stattfinden. "Die Öffentlichkeitsbeteiligung im Rahmen der Bauleitplanung ist ein formales Verfahren, das oft konfrontativ verläuft, weil in diesem späten Planungsstadium alle wesentlichen Entscheidungen schon gefällt wurden", sagt Studiengangskoordinatorin Dr. Gisela Wachinger. Hier gelte es neue Beteiligungsformen zu entwickeln, die u.a. Kriterien aus der Mediation erfüllen müssen. Beispielsweise sollte der Prozessmoderator eine neutrale Person sein, und es muss einen offenen Entscheidungsrahmen geben, d.h. "es muss wirklich noch etwas entschieden werden können", sagt Wachinger. Dass sich Planungsverfahren und Bauprozesse aufgrund von mehr und früherer Beteiligung verlängern würden, widerlegen aktuelle Studien (s. Tippkasten unten). Vielmehr sei es eine Form der Qualitätssicherung, wenn die Bürger früh in die Planung mit einbezogen werden, so Wachinger. "Dadurch können nicht nur spätere Klageverfahren, sondern auch planerische und bauliche Fehler des Projekts vermieden werden."

Die Masterstudenten erwerben nicht nur politologisches und rechtliches Fachwissen, sondern werden auch in Planungsprojekten und in Rollenspielen praktisch ausgebildet. Der Ablauf von Planungsverfahren in Deutschland wird ebenso gelehrt wie inhaltliche Fachaspekte der Planung: Muss die Traufhöhe bei dem Bauprojekt xy berücksichtigt werden oder spielt eher die Verkehrsführung eine wichtige Rolle?

Auf dem Lehrplan stehen Themen wie Raumplanung und Umweltplanung, rechtliche Grundlagen von Planung und Partizipation, Konfliktbearbeitung, Methoden, Techniken und Formate der Bürgerbeteiligung sowie Theorie und Praxis der Beteiligung bei großen Infrastrukturvorhaben. Möglich ist diese interdisziplinäre Ausrichtung, weil der Studiengang von drei Fakultäten - Architektur und Stadtplanung, Bau- und Umweltingenieurwissenschaften sowie Wirtschaft und Sozialwissenschaften - konzipiert und durchgeführt wird. Es ist wahrscheinlich das einzige Angebot dieser Art in Deutschland. Dadurch lässt sich das große Interesse, auch aus dem Ausland gab es Bewerber, an dem neuen Studiengang erklären. Mit rund 20 Bewerbungen hätten sie gerechnet, doch es seien deutlich mehr geworden, sagt Wachinger.

Weiterbildungsstudiengang in Planung

Bewerber müssen mindestens ein sechssemestriges Bachelorstudium abgeschlossen haben, z.B. in den Fächern Architektur, Energietechnik, Geografie, Planung, Politik- oder Sozialwissenschaften, Umweltwissenschaften, Verwaltungs-, Rechts- oder Wirtschaftswissenschaften. Während des Studiums ist zudem ein achtwöchiges Praktikum etwa bei Investoren, Planungs- und Ingenieurbüros oder der Verwaltung vorgesehen. Passende Praktikumsstellen können der Studiengangskoordinatorin gemeldet werden. Einsatzmöglichkeiten sieht Wachinger in Kommunen, aber auch auf Landes- und Bundesebene, bei Unternehmen oder in der Selbstständigkeit. Der neue Masterstudiengang richtet sich an junge Bachelorabsolventen, aber auch für Berufspraktiker soll es künftig ein berufsbegleitendes Studienangebot geben. Ein entsprechender Weiterbildungsstudiengang wird derzeit konzipiert.

Info: www.uni-stuttgart.de/planupart

TIPP

Dass Maßnahmen für Prozesssteuerung, d.h. für Beteiligungsverfahren, in der Regel keine Zeitverzögerungen nach sich ziehen und meist sogar zu Kostenersparnisssen führen (durch die Vermeidung von Gerichtsverfahren), haben Thomas C. Beierle und Jerry Cayford für die USA nachgewiesen ("Democracy in Practice. Public Participation in Environmental Decisions", Johns Hopkins University Press). Zur Ausgestaltung von Planungsverfahren hat die Fachgruppe Planen und Bauen im Bundesverband Mediation acht Thesen formuliert und in der Zeitschrift Spektrum der Mediation (42/2011) veröffentlicht. In Baden-Württemberg findet aktuell ein Wettbewerb zu "Leuchttürmen der Bürgerbeteiligung" statt, der einen Überblick über den Status quo vermittelt (Im Internet unter: www.staatsanzeiger.de/politik-und-verwaltung/ buergerbeteiligung/reportagen).

Sonja Smalian

Ralf Lutz, bislang Sprecher der Geschäftsführung von Caverion...

Köpfe 08.08.2013
Ralf Lutz, bislang Sprecher der Geschäftsführung von Caverion Deutschland, wird den Gebäudetechnikspezialisten verlassen und sich neuen Aufgaben zuwenden. Seit 1. Juli hat die aus der YIT ... 

Ralf Lutz, bislang Sprecher der Geschäftsführung von Caverion Deutschland, wird den Gebäudetechnikspezialisten verlassen und sich neuen Aufgaben zuwenden. Seit 1. Juli hat die aus der YIT Corporation ausgegliederte Caverion Corporation ihre Geschäftstätigkeit als Aktiengesellschaft aufgenommen. Sie firmiert in Deutschland unter dem Namen Caverion Deutschland, München. Im Jahr 2010 hatte YIT die Geschäftstätigkeit von Caverion übernommen. Einige Monate danach, zum 1. März 2011, war Lutz in die Geschäftsführung von YIT Germany aufgerückt. Mit der Umbenennung in Caverion Deutschland wurde die Geschäftsführung neu aufgestellt und durch Frank Zulauf und Johann König verstärkt. Zulauf übernimmt als Geschäftsführer Vertrieb auch die Bereiche Planung, Energiedienstleistung und Forschung & Entwicklung sowie den Geschäftsbereich Krantz. Er hatte 2001 die Leitung der Hauptniederlassung von Krantz-TKT Gebäudetechnik übernommen. In den Rechtsnachfolgeunternehmen Caverion und YIT Germany war Zulauf zuletzt Regionalleiter Nord-West. König ist neuer Geschäftsführer Technik. Zu seinem Aufgabenbereich zählen zudem der Großanlagenbau, die technische Montage, das Qualitätsmanagement sowie Sicherheit, Gesundheit und Umwelt. König ist seit 1997 im Unternehmen bzw. bei dessen Rechtsvorgänger Stangl tätig und hatte dort und bei YIT Germany verschiedene Führungspositionen inne. Kaufmännischer Geschäftsführer von Caverion Deutschland bleibt unverändert Albert Vonnahme, der seit 2004 diese Position bei den Rechtsvorgängerinnen YIT Germany und Stangl innehat.

IZ

Gefma lobt Förderpreise aus

Karriere 08.08.2013
Zum 17. Mal lobt der Deutsche Verband für Facility Management (Gefma) seinen Nachwuchswettbewerb für Hochschulabsolventen und Doktoranden aus. Die Gefma-Förderpreise 2014 sind mit insgesamt ... 

Zum 17. Mal lobt der Deutsche Verband für Facility Management (Gefma) seinen Nachwuchswettbewerb für Hochschulabsolventen und Doktoranden aus. Die Gefma-Förderpreise 2014 sind mit insgesamt 8.000 Euro Preisgeld dotiert.

Sonja Smalian

Arno Berthold Pöker (53) ist in den Vorstand von Deutsche Immobilien,...

Köpfe 08.08.2013

Den "Ranking-Effekt" nutzen

Personalvorstand Christine Sasse.

Personalvorstand Christine Sasse.

Bild: ae

Karriere 08.08.2013
Der FM-Dienstleister Dr. Sasse will die Arbeit seiner Teams vor Ort, auf der ausführenden Ebene, verbessern. Dabei folgen die Münchner einem Organisationsmodell, nach dem ein Team im besten Fall ... 

Der FM-Dienstleister Dr. Sasse will die Arbeit seiner Teams vor Ort, auf der ausführenden Ebene, verbessern. Dabei folgen die Münchner einem Organisationsmodell, nach dem ein Team im besten Fall sechs oder sieben Mitglieder, nicht weniger und nicht mehr, haben sollte. Zur Halbzeit des Projekts sprachen wir mit Personalvorstand Christine Sasse.

"Es sind in der Regel Organisationsmängel statt Motivationsdefizite der Ausführenden, die Minderleistungen verursachen", sagt Christine Sasse, beim gleichnamigen FM-Dienstleister zuständig für Human Resources und Organisation. Das Unternehmen verdient sein Geld überwiegend mit landläufig als geringwertig geltenden Instandhaltungs- und Servicetätigkeiten.

Sasse verweist darauf, dass in Facility-Services-Unternehmen in der Regel zwar auf der Managementebene ein Steuerungsmodell praktiziert werde, dass jedem Manager fünf bis sieben zu führende Mitarbeiter auf der nächst unteren Etage zugeordnet seien, aber dann auf der ausführenden Ebene (also vor Ort beim Kunden) "die 30er Kohorte" favorisiert wird. Doch die sei keine wirklich leistungsfähige Gruppe.

Unsere Gesprächspartnerin skizziert den verbreiteten Ist-Zustand: Vorgesetzte werden "durch leistungsmindernde Gruppengrößen systematisch unterfordert". Intakte Leistungseinheiten werden "durch Doppelspitzen (Leitungsteams) und vertikale Stellvertreterregelungen geschwächt". Und Befugnisregelungen würden "nur fallweise, lückenhaft und widersprüchlich" getroffen.

6er-Gruppen sind optimal

Dr. Sasse baut derzeit um. Im April 2012 starteten die Münchner in einem ausgewählten Objekt ein Pilotprojekt. Im April nächsten Jahres will man "durch" sein, genauer: 80% der Objekte umgestellt haben. "Die Neuorganisation ist als kontinuierlicher Verbesserungsprozess zu betrachten und kommt bei Auftragszugängen genauso zum Einsatz wie im Rahmen verschiedener Innovationsprogramme für unsere Bestandskunden", erkärt die Personalexpertin.

Nach dem Modell der 6er-Gruppen gehört dem Team ein mitarbeitender (und von der Gruppe gewählter) Gruppenleiter bzw. Gruppensprecher an. Diesem steht etwa ein Drittel der täglichen Arbeitszeit für die leitende Tätigkeit zur Verfügung. Die Gruppengröße ermögliche auf dessen Seite die direkte und konkrete Ansprache des Kollegen oder der Kollegin. Was besagt der Realitätstest? "Viele sind stolz und kommen mit der Aufgabe sehr gut zurecht. Andere brauchen etwas länger Anleitung und Unterstützung. Gelegentlich müssen die Sprecher auch neu gewählt werden."

Optimal sei die 6er- oder 7er-Gruppe, weil deren Mitglieder in "überschaubaren Leistungssituationen" (die Kontaktmöglichkeit sei essenziell!) dazu neigten, "sich miteinander zu vergleichen". Dieser "Ranking-Effekt" steigere die Qualität und Quantität der Leistung. Im Vergleich zu isolierter Einzelarbeit betrage dieser Effekt +30% und mehr. Aber Achtung: Je größer die Gruppe wird, desto mehr lässt der Ranking-Effekt nach. Auch hier hat Sasse, die sich sehr stark auf in den 1960er und 1970er Jahren publizierte theoretische und empirische Arbeiten des Sozialpsychologen und Arbeitswissenschaftlers Fred Edward Fiedler stützt, eine Zahl parat: Schon eine Gruppe 1:10 erbringt nur 70% der erwarteten bzw. kalkulierten Leistung. Verstärkung durch weitere Mitarbeiter bleibt ohne messbare Wirkung." Dahinter stecke das Phänomen der "überdehnten Leitungsspannen", das auftrete, wenn ein Leiter mehr als sieben Mitarbeiter zu führen habe. Ähnliche Folgen haben laut Sasse auch "ungeleitete (nur supervidierte) Gruppen". Die Leistungsbereitschaft nehme ab, Qualität wird zurückgefahren, "go slow" bestimme den internen Leistungsvergleich. Hier laute die Faustregel: "Bereits nach 14,5 Einsatztagen sinkt die kalkulierte Leistung um ein Drittel."

Spürbare Wertschätzung

Ganz anders die ersten Erfahrungen mit der hauseigenen Neuorganisation und den 6er-Gruppen. Wie nehmen die betroffenen Mitarbeiter die Veränderungen an? "Anfangs etwas zögerlich", gesteht Sasse, doch "in der längst überfälligen Möglichkeit zur Entwicklung von Eigeninitiative und zu verantwortlichem Handeln in der Gruppe erkennen sie den Ausdruck der Wertschätzung."

Das Gruppenmodell könne in allen Gewerken des infrastrukturellen und technischen Gebäudemanagements eingesetzt werden, sagt Sasse. Aber die Gruppengröße müsse stimmen und die Kontaktmöglichkeit gewährleistet sein. Nicht infrage kommen folglich Kleinobjekte und Filialen, in denen Mitarbeiter allein arbeiten. "Besonders effizient wirkt sich das Gruppenmodell in Großobjekten mit vielen Servicemitarbeitern aus, die im Verlauf des Arbeitsprozesses definierte Kontaktmöglichkeiten besitzen. Dies kann durchaus auch gewerkeübergreifend geschehen."

Hat Dr. Sasse eigene Zielzahlen? Einsparungen von 5% bei einer Auftragserledigung ohne Qualitätsverlust seien leicht machbar, 10% seien gut. 15% könne man durchaus ins Auge fassen.

Albert Engelhardt