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Nicht als Magd, sondern als Königin sprechen

Wenn Frau auch ohne Megafon ihr Publikum erreichen und nicht als einsame
Ruferin sinnbildlich in der Wüste stehen will, dann sollte sie über ein
Stimmtraining nachdenken.

Wenn Frau auch ohne Megafon ihr Publikum erreichen und nicht als einsame Ruferin sinnbildlich in der Wüste stehen will, dann sollte sie über ein Stimmtraining nachdenken.

Bild: iStock 2012/midres

Karriere 04.10.2012
Der Inhalt der Präsentation ist brillant, aber keiner hört zu? In einer von Männern dominierten Berufswelt wie der Immobilienwirtschaft haben es Frauen nicht immer leicht, Gehör zu finden. ... 

Der Inhalt der Präsentation ist brillant, aber keiner hört zu? In einer von Männern dominierten Berufswelt wie der Immobilienwirtschaft haben es Frauen nicht immer leicht, Gehör zu finden. Professionelle Stimmtrainerinnen und -trainer wissen, wie Frau dieses Problem lösen kann. Doch wer glaubt, allein die Stimme sei entscheidend, um zu anderen durchzudringen, wird dabei schnell eines Besseren belehrt. Mindestens genauso wichtig sind die richtige Atemtechnik, die innere Haltung und das Auftreten.

"Ich bin gleich in einem Workshop - drei Männer und ich als einzige Frau. Wünschen Sie mir Glück!" Als Stimmtrainer und Radiomoderator Paul Johannes Baumgartner diese E-Mail einer früheren Seminarteilnehmerin erreichte, lag die Idee auf der Hand, ein Stimmtraining speziell für Frauen zu entwickeln: "Gerade wenn es für Frauen darum geht, sich in Männerrunden durchzusetzen, sich Gehör zu verschaffen und Sachverhalte klar darzustellen, stoßen viele schnell an ihre Grenzen", sagt Baumgartner.

Mit gezielten Übungen lässt sich gegensteuern, weiß Baumgartner aus eigener Erfahrung. "Auch einem Morgenmoderator scheint frühmorgens um fünf Uhr nicht zwangsläufig die Sonne aus dem Hintern." Doch als Profi hat Baumgartner gelernt, was er tun kann, damit seine Stimme offen und dynamisch klingt, selbst wenn er sich lieber im Bett noch einmal auf die andere Seite drehen würde. Sein Wissen gibt er nicht nur an Unausgeschlafene weiter, sondern an alle, die beruflich mit ihrer Stimme überzeugen müssen, also auch an Frauen, von der Callcenter-Mitarbeiterin bis zur Topmanagerin.

Der Seminarinhalt beim Stimmtraining für Frauen unterscheidet sich dabei gar nicht so sehr von dem für gemischte Gruppen: Es geht darum, der eigenen Stimme mehr Durchsetzungskraft zu verleihen, die richtige Sprechtechnik bei einer Präsentation anzuwenden, die optimale Sprechgeschwindigkeit zu finden, präzise zu artikulieren oder mehr Klang und Ausdruckskraft in die Stimme zu bringen. Warum dann also ein Stimmtraining speziell für Frauen? "Im Vergleich zur männlichen Stimme ist die weibliche Stimme höher, weicher und melodiöser. Dadurch haben es Frauen bei der Vermittlung von emotionalen Botschaften leichter. Wenn es jedoch darum geht, Kompetenz und Souveränität zu beweisen, auf einem Standpunkt zu beharren, Worten den nötigen Nachdruck zu verleihen und in hochemotionalen Situationen gelassen zu bleiben, strecken Frauen mitunter die Waffen. Ein Verhalten, das man bei Männern in Gesprächsrunden oder Präsentationen eher selten findet", hat Baumgartner beobachtet.

Es kommt viel mehr auf das Wie an als auf das Was

Frauen, die sich stimmlich nicht durchsetzen können, würden sich dabei in der Regel schlicht selbst im Weg stehen. Selbstlimitierende Glaubenssätze zu überwinden und mehr Selbstsicherheit zu gewinnen, ist deshalb ein wichtiger Teil in Baumgartners Seminaren für Frauen. Denn traditionell würden Mädchen eher zur Zurückhaltung erzogen und dazu angehalten, leise zu sprechen. Jungen dagegen werden eher darin bestärkt, sich lautstark bemerkbar zu machen. Das sieht Kommunikations- und Sprechtrainerin Bettina Schinko von der Sprechbar Berlin ähnlich und ergänzt: "Männer nehmen nicht nur stimmlich, sondern auch körperlich oft mehr Raum ein als Frauen." Dagegen würden vor allem Frauen, die leise und mit zu hoher Stimme sprechen, nach dem tradierten Muster "bloß nicht anecken oder auffallen und immer nett sein" agieren. "Sprechen Sie nicht als Magd, sondern als Königin", ermuntert Schinko dann.

Das mag plakativ klingen, doch das Bild sagt aus, worum es beim Stimmtraining auch geht, nämlich um das eigene Auftreten und die innere Einstellung. Denn die Stimme ist ein Spiegelbild der Seele und drückt unsere Stimmungen aus. Wer sich unsicher fühlt oder aufgeregt ist, dem hört man es an der Stimme an. Aber auch die Körpersprache und die Gestik sind entsprechend verhalten und introvertiert, wenn jemand an sich zweifelt. Die Signale, die wir aussenden, kommen beim Gegenüber an, ob wir wollen oder nicht. Und unabhängig davon, wie gut wir inhaltlich argumentieren können: Sozialpsychologische Untersuchungen haben nachgewiesen, dass die Wirkung auf andere Menschen zu 55% vom Aussehen und Verhalten abhängt und zu 38% von der Stimme. Lediglich 7% macht tatsächlich der Inhalt eines Vortrags aus. Es kommt also vielmehr auf das Wie an als auf das Was.

Männer kriegen Magengeschwüre, Frauen bleibt die Stimme weg

Glaubt man diesen Untersuchungen, ist es also durchaus einen Versuch wert, bewusst mit der eigenen Stimme umzugehen und sie im Beruf gezielt als Kommunikationsinstrument einzusetzen. Nicht zufällig nennt Baumgartner sein Stimmtraining für Frauen "Die Macht der weiblichen Stimme".

"Worum es im Stimmtraining zunächst einmal geht, ist den eigenen Normalsprechton zu finden", erklärt Schinko ihre Arbeitsweise. Der Normalsprechton oder die Indifferenzstimme "ist der Ton, in dem man ohne Anstrengung sprechen kann. Erst dort ist die Stimme entspannt und belastbar." Frauen neigen eher als Männer dazu, zu hoch zu sprechen, und laufen deshalb Gefahr schnell heiser zu werden, vor allem dann, wenn sie viel sprechen müssen: "Männer kriegen eher Magengeschwüre, Frauen bleibt die Stimme weg", stellt Schinko fest.

Zu hoch wird die Stimmlage auch dann, wenn Frau (aber natürlich auch Mann) aufgeregt ist. Der Kehlkopf hebt sich und im Hals wird es eng. Der Ton, der dabei herauskommt, wird von Zuhörern eher als unangenehm empfunden. Mit Atemübungen und Körpertraining lässt sich hier gegensteuern. Und wenn es schnell gehen muss, hilft auch ein herzhaftes Gähnen, ohne dabei die Hand vor den Mund zu halten, verrät Schinko. Beim Gähnen entspannt sich das Zwerchfell, der Kehlkopf senkt sich und das Gaumensegel "Das Tor zur Stimme" öffnet sich.

Beim Stimmtraining kommt Frau trotz erlernbarer Tricks aber nicht um die Auseinandersetzung mit der eigenen Persönlichkeit umhin. Bettina Schinko arbeitet dabei zunächst am liebsten mit einer Videoaufzeichnung der Seminarteilnehmerin und lässt die Aufnahmen für sich sprechen: "Anhand der Art des Vortrags oder der Präsentation erkennen die jeweiligen Personen meist sehr schnell selbst, woran sie arbeiten müssen." - Der Trick dabei: Wer sich selbst in einer Videoaufnahme sieht, wird zum außenstehenden Beobachter der eigenen Person und kann sich von der eigenen Selbstwahrnehmung lösen. Oft ist einem Menschen nämlich nicht bewusst, dass er zu leise, zu schnell oder nicht auf den Punkt spricht. Letzteres nennt Baumgartner "das unsichtbare Oder". Damit meint er die für viele Frauen typische Angewohnheit, mit der Stimme am Ende des Satzes nach oben zu gehen und damit das eben Gesagte durch den Klang der Stimme gleich wieder infrage zu stellen.

"Ich habe mir ganz fest vorgenommen, generell nicht zu sagen, ich glaube oder ich denke", verrät Judith Gabler. Die gebürtige Britin ist Director of Operations Emea beim internationalen Berufsverband für Immobilienfachleute RICS und wurde von ihren Eltern schon als Kind mehrere Jahre zu einem Sprechtraining geschickt, wo sie lernte, Gedichte oder Texte vor Publikum vorzutragen. Sie gilt als gute Rednerin und sagt von sich selbst, sie habe nie das Gefühl gehabt, unter ihren männlichen Kollegen benachteiligt zu sein oder sich nicht durchsetzen zu können. Dabei kommt sie nicht mit einer donnernden tiefen Stimme daher, sondern intoniert hell, klar, lebendig und pointiert. Stimmtraining war für sie in ihrem späteren Berufsleben kein Thema mehr. Im Mai dieses Jahres hatte sie dann aber doch ein internes Training in London, bei dem es darum ging, sich selbst und seine Arbeit vorzustellen. Das Feedback der Kollegen: "Empathie durch Gestik und Mimik, aber stimmlich etwas zu schwach und zu wenig überzeugend." Sie solle das Gleiche doch einmal auf Deutsch vortragen, da sie ja in Deutschland arbeite, lautete der Vorschlag. Das Ergebnis: Sie klang in den Ohren der Zuhörer überzeugender. Verwunderlich ist das kaum, hat jede Sprache doch ihre eigene Klangmelodie und gelten die Deutschen schon deswegen eher als sachlich und kompetent. Der Ton macht eben die Musik, und beim Stimmtraining erfährt Frau, wie sie die Klaviatur der Stimme bewusst einsetzen und souverän nutzen kann. Und damit hat sie schon gewonnen.

Weitere Infos unter: http://sprechbarberlin.de/ oder http://www.pauljohannesbaumgartner.de/

Martina Vetter